RASSISMUS IN DER MEDIZIN

„ICH WERDE NICHT ZULASSEN, DASS ERWÄGUNGEN VON ALTER, KRANKHEIT ODER BEHINDERUNG, GLAUBE, ETHNISCHER HERKUNFT, GESCHLECHT, STAATSANGEHÖRIGKEIT, POLITISCHER ZUGEHÖRIGKEIT, RASSE, SEXUELLER ORIENTIERUNG, SOZIALER STELLUNG ODER JEGLICHER ANDERER FAKTOREN ZWISCHEN MEINE PFLICHTEN UND MEINE PATIENTIN ODER MEINEN PATIENTEN TRETEN.“ 

Liest man das Ärztliche Gelöbnis- die  Genfer Deklaration des Weltärztebundes- so nimmt an, dass jegliche Diskriminierungsformen ausgeschlossen und Diskussionen über Rassismus in der Medizin obsolet seien.

Zieht man hier die aktuelle sowie historische Gegebenheiten und internationale Studien[1], die rassistische Strukturen in der medizinischen Versorgung aufarbeiten in Betracht, wird einem sehr schnell klar, dass hier eine Diskrepanz vorliegt. 

 

In der internationalen Forschung ist die rassistische Diskriminierung von bestimmten ethnischen Gruppen in der Medizin bereits belegt. Koloniale Denkmuster deren Resultat vermeintlich biologische, rassische Kategorisierungen und Hierarchisierungen waren, wirken bis heute noch in Form von Stereotypen und fehlerhaften Annahmen über rassifizierte Personengruppen (z.B. die Verwendung der Cockcroft-Gaul-Formel).

Zahlreiche Gegebenheiten, lassen ebenfalls einen Rückschluss auf strukturellen Rassismus im Gesundheitswesen in Deutschland zu. Dies beginnt mit der fehlenden Diversität in der Medizinischen Lehre, gestützt durch die eurozentrische und männliche Perspektive bei der Behandlung und Erforschung von Krankheitsbildern. Das Erkennen von Erkrankungen auf dunkler Haut wird kaum gelehrt. Ein Problem, das nicht nur in Deutschland besteht: In St. George's, der medizinischen Fakultät der University of London beschäftigte sich bereits der Student Malone Mukwende mit dieser Problematik und erstellte gemeinsam mit zwei Co-Autoren ein Handbuch- "Mind the Gap: A Handbook of Clinical Signs in Black and Brown Skin". Vergleichbares gibt es in Deutschland (noch) nicht. 

Der Zugang zum Gesundheitswesen wird durch rassistische Zuschreibungen zusätzlich erschwert. Rassistische Strukturen, Stereotype und fehlerhafte Annahmen über Schwarze, Indigene und Personen of Colour verursachen u.a. schwere Behandlungsfehler zu Lasten betroffener Patient*innen, die im schlimmsten Fall zu Unterlassungen von medizinisch notwendigen Behandlungen führen. Beispielsweise ist der „Morbus mediterraneus“ ein gängiger pejorativer Begriff in der medizinischen Umgangssprache, der bei der Behandlung von migrantisch gelesenen Patient*innen öfter mal fällt, um die Schmerzempfindungen der Patient*innen zu relativieren. Dieser basiert auf der rassistischen Vorannahme, dass Schwarze, Indigene und Personen of Colour bei körperlichen Beschwerden übertreiben würden.

Ein weiteres Problem ist die Gesetzeslage bei der Behandlung von Personen mit nicht-offiziellem Aufenthaltsstatus nach dem AsylbLG. Aus Angst vor einer Abschiebung werden oft medizinisch notwendige Maßnahmen nicht in Anspruch genommen (siehe Stellungnahme der Zentralen Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten (Zentrale Ethikkommission) bei der Bundesärztekammer „Versorgung von nicht regulär krankenversicherten Patienten mit Migrationshintergrund“).

Die Forschung in Deutschland fokussierte sich bisher nur auf die Folgen der Migration auf die Gesundheit und kulturbezogene Unterschiede, jedoch kaum auf die rassistischen Strukturen, die Menschen krank machen und im schlimmsten Fall zum Tod führen. Dabei findet auch eine Homogenisierung aller migrantischen und/oder Personen of Colour statt, ohne deren Diversität zu berücksichtigen.  Dementsprechend ist die Datenlage  in Deutschland prekär. In der medizinischen Aus-und Weiterbildung gibt der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog für Medizin (2015) des Medizinischen Fakultätentags (MFT) der Bundesrepublik Deutschland e. V. und der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung zwar Rahmenbedingungen zum Umgang mit kulturellen Unterschieden vor, jedoch fehlt im hiesigen Lernzielkatalog der Bezug zum Rassismus vollständig.

Es ist an der Zeit, dass auch in Deutschland ein umfangreicher rassismuskritischer Diskurs in der Medizin stattfindet!

 

[1] Phelan, J. C., & Link, B. G. (2015). Is racism a fundamental cause of inequalities in health? Annual Review of Sociology, 41, 311-330

Siddiqi, A., Shahidi, F. V., Ramraj, C., & Williams, D. R. (2017). Associations between race, discrimination and risk for chronic disease in a population-based sample from Canada. Social Science & Medicine, 194, 135-141

American Heart Association. Racial disparities continue for black women seeking heart health care. https://medicalxpress.com/news/2019-04-racial-disparities-black-women-heart.html.